2016

Das schreibt die BNN zum Konzert »O Magnum Mysterium«

„O Magnum Mysterium“

Glanzvolles Konzert des Kammerchors in der Barockkirche St. Peter Bruchsal

Am schönsten und besten Ort, den Bruchsal, ja die ganze Region zu bieten hat, zelebriert der Bruchsaler Kammerchor und erstmals unter neuer Leitung ein lupenreines A-Cappella-Programm der besonderen Art im besonderen Ambiente. Konzerte mit anspruchsvoller Musik sind in St. Peter immer Kunstsparten übergreifend, immer multisensorisch für Auge und Ohr. Letzteres im doppelten Sinne, weil das Gehörte eine Leistung der Musiker und Sänger abbildet, gleichzeitig aber von der einmaligen Raumakustik erhöht, quasi vergoldet wird. Was den geneigten Zuhörer beglückt, ist für die Akteure eine besondere Herausforderung, weil der kuppel-verzögerte Nachhall äußerste Präzision der Tempi und Artikulation abverlangt. Genau das ist es, was dem Schirrmeister-Nachfolger Andreas Christoph Meier meisterhaft gelang, nämlich mit dem Raum musizieren, geduldig die Echos auskosten und die denkbar größte dynamische Spannweite wagen. Vom gesunden fast Te-Deum-geeigneten Fortissimo bei Bruckner bis zum unerhörten Pianissimo in erlösenden Dur-Schlüssen bei Reger, Brahms und Mendelssohn. Erlesene Motetten aus Romantik bis Gegenwart und ein thematischer Rahmen, der den theologischen wie auch musikologischen Meister erkennen lässt. Im Wechsel dazu wiederum thematisch abgestimmt ein Reigen Bach’scher Orgelmusik mit Johannes Sieber im Bruchsaler Heimvorteil, der in Freiburg Schul- und Kirchenmusik studierte und aktuell zu den Gefragtesten seiner Zunft zählt. Mit Bach fang an, mit Bach hör auf, nicht ganz, weil im Finale die Brahms’sche Variante zum entsprungenen Ros besser passte, zeigte er sein Meisterschaft mit kluger Registrierung, ein Aufwach-Tutti zum Einstieg, flinke Virtuosität in BWV 601 und ausgekostete Linien und Phrasierungen in den Leipziger- und Schübler-Chorälen, auch in den Choralvorspielen aus dem Orgelbüchlein. Der mit versierten Stimmen besetzte Kammerchor gestaltet durchweg hoch konzentriert mit homogenem Diskantklang, präsentem Alt, auch als zweiter Sopran in Engführungen überzeugend, mit tragfähigem Tenor in allen Höhen und einem immer kultiviert fundierenden Bass. Dem wohlvorbereiteten Chor gelingen alle freien Sprünge in andere Tonarten, er phrasiert immer sensibel, niemals aufdringlich und genießt den Klangzauber im dafür idealen Kirchenraum. Der Dirigent hat die Noten im Kopf, was seine hervorragende Meisterschaft und solide Vorbereitung beweisen. Den Feinschliff erhielt der gebürtige Mittelbadener und ebenfalls professionelle Schul- und Kirchenmusiker an den Hochschulen in Karlsruhe und Rottenburg. Seine künstlerische Schuhgröße ist passgenau zu Martin Schirrmeisters Fußstapfen, und für den Bruchsaler, aber auch überregional anerkannten und gelobten Kammerchor ein Glücksfall, mit Andreas Meier künftig zu arbeiten. Feinste Klangfarben in Anton Bruckners Virga Jesse (1885) und ein Gänsehaut auslösendes dreifach-Pianis-simo im E-Dur-Schluss des Allelujas im wirklich einmaligen Klangerlebnis für alle Freunde anspruchsvoller Chormusik.

Zeitgenössisch endet das bemerkenswerte Konzert mit dem titelgebenden „O magnum mysterium“ von Morten Lauridsen vor dem Weihnachtsklassiker „Es ist ein Ros entsprungen“ von Michael Prätorius, das Andreas Meier auf Halbe dirigiert, weil er weiß, wie man tragfähige Linien zeichnet und musikalische Spannung in die große Akustik zaubert. Und da kommt Friedrich Schiller in den Sinn, weil die hohe Kunst uns an goldenen Ringen zwischen Erd‘ und Himmel schwebend hält.

Johann Beichel

 

Das schreibt die BNN zum Passionskonzert 2016:

Ergreifende Matthäuspassion

Martin Schirrmeister verabschiedet sich als musikalischer Leiter des Kammerchors Bruchsal

Kaum waren die Klänge des Chors zu den Worten »Wir setzen uns in Tränen nieder« verklungen, erhoben sich auch schon die ergriffenen Zuhörer mit feuchten Augen, um am Ende der großartigen Darbietung der »Matthäuspassion« von Johann Sebastian Bach den Ausführenden ihren Respekt zu zollen, wobei das Bewusstsein, Martin Schirrmeister als musikalischen Leiter zum letzten Mal erlebt zu haben, eine nicht unerhebliche Rolle gespielt haben dürfte. Die Einstudierung dieser Komposition, Gipfel ihrer Gattung, Offenbarung von zeitloser Vollkommenheit, bedarf einer äußerst sensiblen Herangehensweise, eines ausgeprägten Gespürs für die dem Werk innewohnende Dramatik einerseits und der Schwermut und Elegie andrerseits. Dank dieser Fähigkeiten gelang dem musikalischen Leiter eine mustergültige Interpretation. Die vom Komponisten geforderten beiden Chöre entsprachen den Kammerchören von Bruchsal und Oberaspach. Die Präzision bei den dramatischen Wechselgesprächen und den stürmischen polyphonen Teilen ließ die Zuhörerschaft erstaunen, die klangliche Reinheit insbesondere bei den sehr vom Sprachduktus aus gestalten dynamisch sehr differenzierten Choräle gingen zu Herzen. Die Solisten waren allererste Sahne: Der lyrische Tenor Sebastian Hübner gestaltete seinen Part als Evangelist mit lebendiger Klarheit bis in die höchsten Tonlagen. Dem Bassisten Matthias Horn waren die Jesusworte vorbehalten, Raimund Nolte die Bass-Arien. Beide Sänger mit ihrem voluminösen und zugleich wohltuenden Timbre loteten die Tiefen ihrer Parts sorgfältig aus. Dasselbe gilt für die mit einer edlen Sopranstimme begabte Antonia Bourvé. Besonders eindrucksvoll gestaltete die Altistin Marion Eckstein ihre Arien: in allen Tonlagen präsent, sicher und überlegen in den Koloraturen, eindringlich bei den melodischen Bögen. Ein großes Lob gebührt auch dem Karlsruher Barockorchester: Nie aufdringlich, immer präsent gerierte es sich als idealer Klangkörper, bei welchem Stefanie Kessler (Flöte), Georg Siebert und Anna Seidenglanz (Oboen), Dietrich Schüz und Gundula Jaene (Violinen), mit Alexander Strauss am Cembalo und an der Orgel die Aufgaben der konzertierenden Instrumente bei den Arien mit sicherem Gespür für die barocke Tonsprache überlegen gestalteten. Die Trauerode über den verstorbenen Jesus am Ende dieses legendären musikalischen Ereignisses hallte noch lange nach. Jedoch erstrahlte gleichzeitig das Bild des Auferstandenen an der Wand im Hintergrund in der Lutherkirche: Trost und Symbol des nahenden Osterfestes zugleich.

Herbert Menrath

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